Wo seid ihr?

Wo ist die Europa-Euphorie

Bundesliga, 23. Spieltag:
Hannover (500.000 Einwohner): 41 Punkte, Platz 4, 35.412 Zuschauer
Hoffenheim (36.000 Einwohner*): 33 Punkte, Platz 9, 30.000 Zuschauer

Im Zuschauer-Schnitt vor Hannover 96 (42.028 Zuschauer) liegen zum Beispiel:
Eintracht Frankfurt (Platz 12): 45.763 Zuschauer
1. FC Kaiserslautern (Platz 16): 46.049 Zuschauer
1. FC Köln (Platz 13): 47.390 Zuschauer

Zahlen, die folgende Frage aufwerfen:

Wo sind die 96-Fans?

Spätestens seit dem Wiederaufstieg erhofften sich 96 und seine Fans endlich einmal nicht gegen den Abstieg spielen zu müssen. Dubiose Saisonziele wie das Erreichen eines einstelligen Tabellenplatzes, um dann vielleicht auch mal die Qualifikation für Europa zu erreichen, wurden ausgegeben. Diese Saison könnte es jedoch soweit sein. Hannover 96 steht nach dem 23. Spieltag auf dem 4. Tabellenplatz, vier Punkte vor dem Fünften, 12 Punkte vor Platz 10, ein Punkt hinter dem FC Bayern, noch dazu derzeit bester Nord-Klub. Aber wo bleibt die Begeisterung? Die Europhorie?

Selbst die überregionale Presse hat es erkannt und endlich auch anerkannt: bei Hannover 96 wird in dieser Saison richtig gute Arbeit geleistet. 96 könnte den Hals nicht voll kriegen, meint die SZ, oder Hoch, Höher, Hannover der Tagesspiegel. Allein was fehlt sind die Fans: Andrang vor den Kassen, späterer Spielbeginn wegen langer Schlagen am Einlass.

Kein Vorwurf gegen die, die kommen, aber scheinbar überwiegt auch dort immer noch die Schadenfreude über das Leid der Anderen – Zweite Liga, Bremen ist dabei – als Freude über die eigene Leistung. Zum Jubeln musste zum Beispiel Sergio Pinto noch auffordern, da stand es Zwei zu Null, die Ecke führte zum dritten Tor, echte Begeisterung sieht anders aus.

Lass die Anderen alle reden, über Bayern oder Bremen lautet eine Zeile in unsere „Vereinshymne“. Nicht nur die Anderen reden über die Anderen, wir selbst tun auch. Tief im Inneren eines Hannoveraners scheint es verankert zu sein, sich selbst immer nur im Vergleich mit anderen bestätigen zu können.

Es gab Zeiten, da kamen am 3. Spieltag 40.000 Zuschauer zu einem Zweitligapiel gegen den SSV Ulm – da herrschte Fußball-Euphorie im nach Bundesliga durstenden Hannover. Und jetzt? Sind die Leute schon satt? Nein! Aber man muss wohl anerkennen, dass eine Zahl zwischen 35 und 40.000 Zuschauern die Menge ist, die sich in Hannover regelmäßig mobilisieren lässt. Die restlichen Plätze 9.000 Plätze des Stadions sind für die Menschen gebaut, die ins Stadion gehen um eigentlich den Gegner zu sehen: Bayern, Dortmund, Schalke.

So umschleicht einen das Gefühl, der Hannoveraner freut sich eher über einen erreichten Klassenerhalt (siehe letztes Jahr), als sich an der Möglichkeit der Teilnahme am Europa-Pokal zu ergötzen. Oder aber er befindet sich noch in einer Schockstarre. Schließlich muss man sich auch daran gewöhnen die Tabelle von oben nach unten zu lesen.

Vielleicht ist es aber auch die gelassene Nüchternheit des Hannoveraners. Erstmal abwarten – optimistisch kann man hinterher sein. Ein gepflegter Zeckpessimismus hat noch keinem geschadet: am Ende werden wir eh Sechster und sind nicht dabei. Oder Mainz bekommt den Vorzug wegen der fairen Fans. Oder wir sind im Europokal dabei und der erste Gegner kommt wieder aus dem eigenen Land. So herrscht wohl noch die Europhobie vor, in der so weltoffenen Stadt Hannover.

Vielleicht ändert sich das ja schon zum nächsten, seit langem ausverkauften Heimspiel gegen den FC Bayern. Vielleicht wird es dann endlich die erhoffte Europhorie. Oder einfach nur ein Heimsieg verbunden mit der Freude, dass andere auch nicht besser sind. Wo anders ist auch nicht anders.

* Einwohnerzahl Sinsheims

Erstellt am: 20. Februar 2011
Aktualisiert am 20. Februar 2011

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2 Kommentare

  1. Das Nacktrodeln war wohl doch eine Konkurenz :)

  2. Also muss der DFB handeln und das Ausziehen des Trikots nach dem Jubeln wieder erlauben?

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